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Bad Homburg, 13.01.2020 13:38 Uhr

Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Andacht von Pfarrer und Dekan Michael Tönges-Braungart

Über jedem Jahr steht für viele Christen ein Bibelwort, das sie durch das Jahr begleiten soll: die Jahreslosung. Für 2020 ist das ein Vers aus dem Markusevangelium (Kapitel 9, Vers 24): Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
Mir fällt auf: Glaube und Unglaube sind hier ganz nah beieinander. Es gibt offenbar keine klare Grenze, wie sie Fundamentalisten – gleich welcher Religion oder welcher Weltanschauung – ziehen: Hier der Glaube, da der Unglaube. Hier die Gläubigen - da die Ungläubigen. Da kann jeder wissen, wie es um ihn bestellt ist. Da kann jede wissen, wo sie hingehört.

Davon ist keine Rede in diesem Bibelvers. Glaube und Unglaube werden in einem Atemzug genannt. In einem Hilfeschrei.

Ein Vater hatte seinen Sohn zu Jesus gebracht, damit er ihn heilen sollte. Und von Jesus auf seinen Glauben angesprochen, schreit der Vater diese Bitte heraus: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
Für mich ist das einer der ehrlichsten Sätze über den Glauben in der Bibel.
Weil sie eben oft so nah beieinander liegen: der Glaube und der Unglaube; die Gewissheit, dass Gott für mich da ist, und die bohrenden Fragen und Zweifel; „Gipfelerfahrungen“ von Gottes Nähe und der Absturz in die raue Wirklichkeit. Weil sie manchmal ineinander gehen und kaum auseinanderzuhalten sind.
Und wenn wir mal überlegen – uns sind oft die allzu sicheren Menschen doch eher unheimlich. Die, die durch nichts zu erschüttern sind in ihrem Glauben - ganz gleich worauf er sich richtet, und in ihren Überzeugungen – ganz gleich, um welche es sich handelt. Uns sind die allzu Sicheren eher unheimlich, die nichts aus der Fassung bringt, die immer ganz genau wissen, dass sie auf der richtigen Seite sind, die keine Zweifel kennen, keine Unsicherheit. Mir machen Sie sogar eher Angst.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Das Markusevangelium erzählt, dass diese Bitte nicht unerhört bleibt. Jesus hilft dem Vater – und vor allem seinem Sohn.
Dieser Vater ist Jesus gegenüber völlig ehrlich. Er versucht nicht, ihm irgendetwas vorzumachen, ihm einen besonderen Glauben, ein besonderes Vertrauen vorzutäuschen. Er sagt einfach, wie es in ihm aussieht. Wie Glauben und Unglauben, Vertrauen und Zweifel, Gewissheit und bohrende Fragen, Hoffnung und Angst in ihm miteinander ringen. Er sagt einfach, wie es in ihm aussieht. Und er bittet Jesus: Hilf du mir! Ich kann es nicht.
Für mich bedeutet das: Nicht auf meinen Glauben kann und muss ich mich verlassen, sondern allein auf Jesus Christus.

Nicht auf das Maß meines Glaubens – wenn man den überhaupt messen und bewerten kann – kommt es an, sondern allein auf den, auf den sich mein Glauben richtet – und sei er noch so schwach und angefochten, und sei er noch so von Fragen und Zweifeln begleitet, und sei er noch so nahe am Unglauben.

Nicht mein Glaube trägt mich, sondern Jesus Christus trägt mich und meinen Glauben – und ganz oft erträgt er mich auch mit meinem Unglauben.
Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Vielleicht eine der ehrlichsten Aussagen des Glaubens in der Bibel – dieser Hilferuf. Und er blieb und bleibt nicht ohne Antwort.
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